Es ist Frost angesagt

Es ist Frost angesagt
diese Nacht
diese Woche
Frost

Es ist Frost angesagt
dem Boden
der Hütte
diese Nacht
diese Woche
Frost

Es ist Frost angesagt
dem Gehölz
und Gebein
dem Boden
der Hütte
diese Nacht
diese Woche
Frost

Es ist Frost angesagt
deinem Leib
deiner Seele
dem Gehölz
und Gebein
dem Boden
der Hütte
diese Nacht
diese Woche
Frost

Ein Beitrag zur Lyrikwoche #lyrimo

Pilgern mit Handicap

Kann man mit Handicap pilgern?

Es kommt drauf an.

Zwischen  zwei Abhängen eine Treppe aus Naturgestein . Eine Frau mit grossem Rucksack und Wanderstöcken geht aufwärts .
Auf den Jakobsweg im Oktober 2019

Heute beginnt gewissermassen meine Pilgerreise, aber lest selbst:

Vor einem Jahr habe ich angefangen, mein Pilgern als „Pilgern mit Handicap zu bezeichnen. Damals konnte ich noch etwa vier Stunden täglich gehen. Heute sind es nur noch zwei, maximal drei Stunden. Ausserdem darf ich nicht mehr als fünf Kilogramm tragen. Da ich medizinische Versorgung mittragen muss, ist ein Rucksack von 5kg völlig unrealistisch.

Meine Pilgerreise beginnt heute, weil ich einen sogenannten Rucksackwagen bestellt habe. Das ist ein kleiner Anhänger, den man mit dem Rucksack belädt und sich um die Hüfte schnallt. Wandamigo heisst er.

Ich freue mich! Damit muss ich das Pilgern nicht aufgeben, sondern ich kann es meinen Bedingungen anpassen.

Pilgern mit Handicap? Ja, wenn man seine Ansprüche mit dem Handicap in Übereinstimmung bringt.

Allerdings …

Allerdings kann ich mir einfach nicht vorstellen, mit meinem Mann und dem Pudel zwei Stunden zu wandern und dann – nichts weiter. Darum haben wir entschieden, dass wir einzeln pilgern. Mein Mann geht mit dem Pudel sein eigenes Tempo. Ich gehe mit der Karre meines. Wir sind zwar zusammen unterwegs, aber nicht am selben Ort.

Auf das alleine unterwegs sein freue ich mich auch. Die vielen Eindrücke der vergangenen Wochen, die Müdigkeit, die Reizüberflutung – alles zurücklassen und allein sein: Ich freue mich.

Alpweide mit schmalem Pfad.  Vor dem Himmel ein Mann mit Rucksack, auf dem Weg ein schwarzer Pudel,  der zur Fotografin zurückschaut.
Den Gatten mit dem Pudel zufrieden ziehen lassen.

Fünfte Raunacht

Den Körper würdigen

Mein Körper, das bin ich.

Der Körper ist keine Hülle für den Geist oder die Seele. Wo wollte man sie trennen?

Mein Körper ist genauso ich, wie es meine Gedanken und Gefühle, mein Hoffen und Bangen sind.

Heute stehe ich vor dem Spiegel und staune.

Meine Haut ist gezeichnet von Narben, von Wunden, die immer wieder zusammengewachsen ist. Nach jeder kleinen Verletzung. Nach jeder Operation neu. Nicht immer schön, nicht immer unkompliziert, aber alles, was soll, ist wieder dicht. Danke.

Meine Sehnen und Bändern halten mich trotz andauernden Entzündungen immer noch zusammenhalten. Ich kann noch gehen, wandern, sogar pilgern war ich dieses Jahr. Danke

Danke meinen unsichtbaren Organen, die unter widrigen Bedingungen ihre Aufgaben erfüllen.

Ich lebe.

Verloren

Beitrag zum #lyrimo 9 mit dem Impuls: Die Vorsilbe „ver-“ zu vertexten

Verloren
im verlogenen Schein
verlockender Fenster

Verloren
in verbogenen Pfaden
Verborgenen Schicksals

Verloren
verwirrt zwischen Welten
verirrt in Zeiten

Verloren
mein verdrückter
verrückter Mut

Ich finde dich wieder!

Das Leck

Das Leck in deinem Körper muss nicht gross sein. Es reicht ein kleines, aus dem es tröpfelt. Tag für Tag, Stunde für Stunde.

Es tröpfelt deine Lebenskraft aus dir. Das Leck frisst sie. Und der stete Tropfen höhlt das Leck, es wir grösser, die Kraft rinnt stärker und wird eines Tages fliessen.

Du fragst dich, wie das bloss weiter gehen soll. Morgen, nächste Woche, nächstes Jahr.

Dann tust du, was du schon immer getan hast. Du verdrängst die Schmerzen und Sorgen in die hinterste Ecke der Seele, Tür zu, Schloss dran, Schlüssel drehen, fertig.

Dann stehst du auf, nimmst ein schönes Buch und geniesst, was dir geblieben ist.

Januar 2019

Im Vertrauen

Im Vertrauen,
ganz im Vertrauen
teil ich mit dir,
mein Geheimnis.
Behalt es bei dir.

Im Vertrauen,
ganz im Vertrauen
teil ich mit dir,
ihr Geheimnis
Du hasts nicht von mir.

Trotz Vertrauen,
teile ich dir mit
(ich darf das schon sagen)
ihr Geheimnis
Du hasts nicht von mir.

Du hasts nicht von mir.
Ich darf das schon sagen,
du hasts nicht von mir.
Ich darf das schon sagen.
Du hasts nicht von mir.

Ich darf das schon sagen.
Du hasts nicht von mir.
Du hasts nicht von mir.

Nicht von mir.

Beitrag 3 zum Lyrikmonat #lyrimo

Glaubensbekenntnis

Wenn jemand sagt: „Ich glaube an dich.“ Oder: „Glaube an dich!“

Was ist damit gemeint?

Klingt irgendwie nach Leistung, nach „du schaffst das“. (Eine Prüfung, eine Aufgabe, einen Wettkampf oder so.)

Ziemlich oberflächlich.

Ich glaube, dass ich den Alltag bewältigen kann, dass ich die Tage beginnen und beenden kann in aller Schwachheit.

Ich glaube, dass ich den Weg zu mir selber und zu Gott immer wieder finden werde und daran, dass ich diesen inneren Weg auch gehen kann. Schritt um Schritt.

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Bild: Eine bearbeitete Seite aus: Elena Brower, entdecke dich, Das Achtsamkeits-Journal

Das alte Haus von Rocky Docky

Bei mir, in meinem Körper, zuhause sein.
Das wär schön.
Genau genommen lebe ich hauptsächlich in meinem Kopf. Im Herzen bin ich immer häufiger und das tut gut.
Aber im gesamten Körper?

Ich habe ein gutes Körpergefühl, wenn es um Bewegungen geht, um Gleichgewicht und dessen Grenzen.
Aber mein Körper als Zuhause ist mir fremd.

Mein Körper ist seit über 40 Jahren krank. Funktioniert falsch. Ich wurde mehrfach operiert, mit Chemie stabilisiere ich die Funktionstüchtigkeit.

Wie kann man zuhause sein in einem kaputten Haus?

Wenn ich mir ein Traumhaus vorstelle, ist es oft eine Hütte, bunt, schief, an- und umgebaut. Das passt doch zu meinem Körper, nicht?

Sei etwas freundlicher zu dir, Alice!

Ich entscheide mich: Mein Körper ist nicht kaputt, bloss etwas windschief. Aus- und angebaut. Da könnte ich doch einziehen, da könnte ich mich niederlassen in meinem windschiefen Traumhaus, nicht?

So beginnt Versöhnung.