Elfte Raunacht

Dankbarkeit

Früh morgens. Einige Schritte mit dem Hund. Ein weites Tal neben der Sarine.
Auf dem Cousimbert liegt Schnee.
Bussarde schreien. Es hallt aus dem Wald.
Der Fuchs rennt heim.
Weit oben am Himmel ein Flugzeug in der rosa Morgensonne.

Dankbar für die Familie mit den Festessen an langen Tafeln mit Geschwistern und Schwiegerfamilien, mit den Kindern, Nichten und Neffen. Man liebt und neckt sich und führt hin und wieder tiefe Gespräche.

Dankbar, dafür, dass ich mit meinen Beschwerden in diesem Land leben kann, wo ich Medikamente, Hilfsmittel und Versorgungsmaterial problemlos erhalte.

Dankbar, dass für alles, was ich noch kann und dass immer noch genug Neugier übrig ist, um Neues auszuprobieren.

Danke.

Das Leck

Das Leck in deinem Körper muss nicht gross sein. Es reicht ein kleines, aus dem es tröpfelt. Tag für Tag, Stunde für Stunde.

Es tröpfelt deine Lebenskraft aus dir. Das Leck frisst sie. Und der stete Tropfen höhlt das Leck, es wir grösser, die Kraft rinnt stärker und wird eines Tages fliessen.

Du fragst dich, wie das bloss weiter gehen soll. Morgen, nächste Woche, nächstes Jahr.

Dann tust du, was du schon immer getan hast. Du verdrängst die Schmerzen und Sorgen in die hinterste Ecke der Seele, Tür zu, Schloss dran, Schlüssel drehen, fertig.

Dann stehst du auf, nimmst ein schönes Buch und geniesst, was dir geblieben ist.

Januar 2019

Das alte Haus von Rocky Docky

Bei mir, in meinem Körper, zuhause sein.
Das wär schön.
Genau genommen lebe ich hauptsächlich in meinem Kopf. Im Herzen bin ich immer häufiger und das tut gut.
Aber im gesamten Körper?

Ich habe ein gutes Körpergefühl, wenn es um Bewegungen geht, um Gleichgewicht und dessen Grenzen.
Aber mein Körper als Zuhause ist mir fremd.

Mein Körper ist seit über 40 Jahren krank. Funktioniert falsch. Ich wurde mehrfach operiert, mit Chemie stabilisiere ich die Funktionstüchtigkeit.

Wie kann man zuhause sein in einem kaputten Haus?

Wenn ich mir ein Traumhaus vorstelle, ist es oft eine Hütte, bunt, schief, an- und umgebaut. Das passt doch zu meinem Körper, nicht?

Sei etwas freundlicher zu dir, Alice!

Ich entscheide mich: Mein Körper ist nicht kaputt, bloss etwas windschief. Aus- und angebaut. Da könnte ich doch einziehen, da könnte ich mich niederlassen in meinem windschiefen Traumhaus, nicht?

So beginnt Versöhnung.

Chronisch gegen den Strom

Oft wird unterschätzt, wieviel Energie es braucht, in miesen Lagen positiv zu bleiben.

Du bist krank, chronisch krank. Hast Schmerzen oder andere Unpässlichkeiten (Brennen, Jucken, Zittern und so weiter), schleppst Behinderungen mit dir herum.

Deine Gefühle und dein fehlendes Wohlbefinden sind ein Fluss mit starker Strömung. Du schwimmst dauernd dagegen an. Du willst positiv bleiben.

Das macht müde. Das erschöpft.

Trotzdem willst du dich am Leben freuen.
Versauern ist keine Lösung.
Leiden frisst Energie.
Dagegen Anleben auch.

Du wirst doppelmüde.

Dennoch, was ist besser? Leiden mit mieser Laune und elender Stimmung oder Leiden und dem Schmerz die kalte Schulter zeigen?

Leiden und hingehen, um Spass zu haben.

Leiden und hingehen, um das Leben, das übrig ist, zu geniessen.

Dann,
ab und zu
holt es dich ein,
dein Leid.
Du magst nicht mehr
tapfer sein
trotzdem lachen
Gute Mine zum bösen Spiel machen
Du bist müde.
Doppelmüde.

Genug.
Es ist Zeit für eine Pause
im Kampf gegen Leid
im Kampf für das Leben.

Es ist Zeit
für Trauer und Wut
für Tränen und Schluchzen
für Schreien und Weinen.

Bis ausgeweint und ausgetrauert ist.
Bis sich Hoffnung und Lebenslust
wieder aufgerappelt haben.

Dann lass uns hinreiten und Pferde stehlen!

PS: Für mich hiess Pferde stehlen diesen Herbst, dass ich mit Ileostoma und trotz Arthritis und Arthrose 100km auf dem Jakobsweg gegangen bin. Mein Weg. Mein Tempo. #pilgernmithandicap

Heute im Programm

Heute im Programm. Klingt viel besser als To do Liste, nicht.

Heute ist mein freier Tag. Leider ist meine To do Liste – falsch.

Erfreulicherweise warten viele abwechslungsreiche Abenteuer darauf, heute erlebt zu werden, dass es fürs Atelier (meinem üblichen Abenteuer für den freien Tag) nicht reicht.

Punkt eins: Jahresrheumatee

Das ist ein Tee aus lauter Kräutern, die ich durchs Jahr gesammelt habe. Jedes von ihnen soll bei Rheuma hilfreich sein.

Punkt 2: Jahreshustensirup

Zu diesen Kräutern wird Honig gegeben.

Punkt 3: Einkaufen und zur Post.

Punkt 4: Kochen und Essen. Muss auch sein.

Punkt 5: Das Johanniskrautöl sollte schon lange gefiltert werden. Heute ist es soweit.

Punkt 6: Papierkram und Glasieren

Der Papierkram ist endlos. Ich bin nach drei Stunden noch nicht fertig. Heute ist mein freier Tag. Ich möchte noch etwas frei machen. Also speichern und Compi schliessen, kein Glasieren – morgen ist auch noch ein Tag.

Punkt 7: Jahreswildkräutersalz mörsern.

Done.

Und nun schäle ich Baumperlen, fingerfertig, wie die Finger sind fertig.

Guten Abend!