Elfte Raunacht

Dankbarkeit

Früh morgens. Einige Schritte mit dem Hund. Ein weites Tal neben der Sarine.
Auf dem Cousimbert liegt Schnee.
Bussarde schreien. Es hallt aus dem Wald.
Der Fuchs rennt heim.
Weit oben am Himmel ein Flugzeug in der rosa Morgensonne.

Dankbar für die Familie mit den Festessen an langen Tafeln mit Geschwistern und Schwiegerfamilien, mit den Kindern, Nichten und Neffen. Man liebt und neckt sich und führt hin und wieder tiefe Gespräche.

Dankbar, dafür, dass ich mit meinen Beschwerden in diesem Land leben kann, wo ich Medikamente, Hilfsmittel und Versorgungsmaterial problemlos erhalte.

Dankbar, dass für alles, was ich noch kann und dass immer noch genug Neugier übrig ist, um Neues auszuprobieren.

Danke.

Vermissen

Ich vermisse das Vermissen.

Wenn ich von anderen höre oder lese (zum Beispiel bei
demenzfueranfaenger.wordpress.com oder bei @doppelleben@twitter.com), wie sie ihre verstorbenen Angehörigen vermissen, dann vermisse ich mein Vermissen.

Ich vermisse meine Grossmutter (die einzige, die ich kannte) nicht, nicht meinen Vater und werde wohl leider auch meine Mutter nicht vermissen. Das tut mir leid. Ich habe schöne und andere Erinnerungen, an sie, aber es reicht nicht zum Vermissen. Ich würde sie so gerne vermissen!

Wie ist es so gekommen? Meine jüngere Schwester und ich mussten früh emotional unabhängig werden. Die Launen der Mutter waren unberechenbar. Der Vater war in seiner Anwesenheit emotional oft abwesend. Und Omi? Ich hatte sie sehr gern. Sie war eine wohlerzogene, hoch gebildete beherrschte Frau. Sie kam aus einer anderen Welt. Das ist eine Geschichte für sich. Sie war wohl zu beherrscht, als dass sich genügend Wärme zum Vermissen hätte bilden können.

Wie auch immer. Ich lernte früh, mich einzuigeln, mich als Schildkröte in meinen Panzer zurückzuziehen. Die bindenden Fäden habe ich kräftig angeknabbert, damit es weniger weh tut. Und so gibt es heute keine festen Bindungen zu meinen Eltern. Das vermisse ich so sehr.

Ich vermisse das Vermissen.

Wenn ich dem tief nachfühle, so ist es fast das selbe wie:

Ich vermisse meine Eltern.

Aber nicht ganz. Ich vermisse die Beziehung, die wir hätten haben können.

Ich vermisse das Vermissen.

Beruf: Weltveränderer

Impuls zum 4. #lyrimo: „Das Grosse beginnt im Kleinen“, eine kleine #wunderweisheit

Vorbemerkung: Damals am Gymnasium wollten wir Weltveränderer werden, als Beruf.

Version 1

Weltveränderer
ändern vorher ihren Kontinent

Kontinentveränderer
ändern vorher ihr Land

Landveränderer
ändern vorher ihr Dorf

Dorfveränderer
verändern vorher ihre Familie

Familienveränderer
verändern vorher ihre innigste Beziehung

Beziehungsveränderer
ändern vorher sich selbst

Heute finde ich, dass Weltveränderer in erster Linie Friedensstifter und Friedenschliesser sind.

Version 2

Weltveränderer
stiften vorher Frieden in ihrem Kontinent

Kontinentveränderer
stiften vorher Frieden in ihrem Land

Landveränderer
stiften vorher Frieden in ihrem Dorf

Dorfveränderer
schliessen vorher Frieden mit ihrer Familie

Familienveränderer
schliessen vorher Frieden mit ihrer innigsten Beziehung

Beziehungsveränderer
schliessen vorher Frieden mit sich selbst