Elfte Raunacht

Dankbarkeit

Früh morgens. Einige Schritte mit dem Hund. Ein weites Tal neben der Sarine.
Auf dem Cousimbert liegt Schnee.
Bussarde schreien. Es hallt aus dem Wald.
Der Fuchs rennt heim.
Weit oben am Himmel ein Flugzeug in der rosa Morgensonne.

Dankbar für die Familie mit den Festessen an langen Tafeln mit Geschwistern und Schwiegerfamilien, mit den Kindern, Nichten und Neffen. Man liebt und neckt sich und führt hin und wieder tiefe Gespräche.

Dankbar, dafür, dass ich mit meinen Beschwerden in diesem Land leben kann, wo ich Medikamente, Hilfsmittel und Versorgungsmaterial problemlos erhalte.

Dankbar, dass für alles, was ich noch kann und dass immer noch genug Neugier übrig ist, um Neues auszuprobieren.

Danke.

Fünfte Raunacht

Den Körper würdigen

Mein Körper, das bin ich.

Der Körper ist keine Hülle für den Geist oder die Seele. Wo wollte man sie trennen?

Mein Körper ist genauso ich, wie es meine Gedanken und Gefühle, mein Hoffen und Bangen sind.

Heute stehe ich vor dem Spiegel und staune.

Meine Haut ist gezeichnet von Narben, von Wunden, die immer wieder zusammengewachsen ist. Nach jeder kleinen Verletzung. Nach jeder Operation neu. Nicht immer schön, nicht immer unkompliziert, aber alles, was soll, ist wieder dicht. Danke.

Meine Sehnen und Bändern halten mich trotz andauernden Entzündungen immer noch zusammenhalten. Ich kann noch gehen, wandern, sogar pilgern war ich dieses Jahr. Danke

Danke meinen unsichtbaren Organen, die unter widrigen Bedingungen ihre Aufgaben erfüllen.

Ich lebe.

Das Leck

Das Leck in deinem Körper muss nicht gross sein. Es reicht ein kleines, aus dem es tröpfelt. Tag für Tag, Stunde für Stunde.

Es tröpfelt deine Lebenskraft aus dir. Das Leck frisst sie. Und der stete Tropfen höhlt das Leck, es wir grösser, die Kraft rinnt stärker und wird eines Tages fliessen.

Du fragst dich, wie das bloss weiter gehen soll. Morgen, nächste Woche, nächstes Jahr.

Dann tust du, was du schon immer getan hast. Du verdrängst die Schmerzen und Sorgen in die hinterste Ecke der Seele, Tür zu, Schloss dran, Schlüssel drehen, fertig.

Dann stehst du auf, nimmst ein schönes Buch und geniesst, was dir geblieben ist.

Januar 2019