5. Januar – 12. und letzte Raunacht

Als es erwachte, fand es sich in einem Wald mit dünnen, weissen Bäumen. Sie standen so dicht beisammen, dass es kein Durchkommen gab.

Es wunderte sich und sah sich um. Und weil es ein einfaches Kind war, machte es sich nicht weiter Gedanken, wie es in den Wald geraten war, oder wie es in dieser Wildnis überleben sollte. Es wunderte sich bloss und sah sich um.

Das Mädchen trug ein dünnes Kleid, vielleicht ein Nachthemd, und stand barfuss auf der kalten, feuchten Erde. Es hatte in der Nacht etwas geschneit. Aber nirgends waren Fussspuren zu sehen.

Eine wunderliche Stille herrschte in diesem weissen im Wald. Im Augenwinkel nahm das Mädchen eine Bewegung war. Ein Vogel kam angeflogen. Ein Rotkehlchen.

Es wendet sich um zum Rotkehlchen. Das Rotkehlchen antwortete auf darauf mit seinem Lied. Sein Winterlied erzählte davon, dass es hier zu Hause sein, und es gedenke nicht, sein Zuhause zu teilen. Auch nicht mit einem kleinen Mädchen.

Selbstverständlich, meinte das Mädchen zum Rotkehlchen, ich werde dir dein Zuhause nicht streitig machen. Aber weisst du, ich bin hier fremd. Ich weiss nicht wo mir warm werden soll. Kannst du mir vielleicht helfen?

Das Rotkehlchen erhob sich zwischen den dichten Zweigen und flatterte einige Bäume weiter. Im Dickicht fand das Mädchen einen winzigen Durchgang zwischen den Bäumen, so dass es dem Rotkehlchen folgen konnte.

Auf dem Pfad fand das Mädchen viele Spuren von wilden Tieren. Wohin sie wohl gingen? Und woher sie kamen? Ob sie eine Höhle oder sonst eine Art zu Hause hatten?

Mit einem Mal schien es ihm, als es röche es Rauch. Wo Rauch ist ist auch ein Feuer. Wo Feuer ist ist es warm. So dachte das Mädchen bei sich.

Das Rotkehlchen flog weiter voran und führte da das Mädchen immer tiefer zum Geruch des Feuers. Schliesslich sah es durch die Bäume goldene Flammen flackern.

Zwischen drei grossen Steinen loderte ein helles Feuer. Neben den Steinen stand ein grosser Topf aus dem es qualmte und auf den Topf lag eine grosse, hölzerne Kelle.

Bei diesem Anblick spürte das Mädchen nicht nur die Kälte sondern auch grossen Hunger. Ob es von dieser Brühe kosten dürfte, fragte es sich und trat näher zum Feuer. Aber es wagte nicht die Kelle zu berühren. Es kauerte sich einfach nachher beim Feuer nieder und schnupperte am Duft, der aus dem Topf stieg.

Wie es so da sass sie schwärmte und nach der Suppe gelüstet, schien ihm auf einmal das es nicht allein sein. Es sah sich um doch es konnte im Dunkeln nichts erkennen. Da hörte es eine Stimme.

So. Hast du mich also gefunden.

Eine Gestalt kam aus der Dunkelheit näher zum Feuer und das Mädchen sagt, das ist eine alte Frau war. Die Frau trug zwei irdene Schalen. Eine reichte es dem Mädchen und sprach.

Schöpfe von der Brühe für uns beide.

Danke, antwortete das Mädchen und griff zu der hölzernen Kelle. Es füllte zuerst die Schale der alten Frau und dann seine eigene. Dann legt es die Kelle wieder sorgfältig auf den Kessel und blickte die Frau an.

Was guckst du, fragte die Frau, iss ruhig.

Danke, antwortete das Mädchen und beugte sich über seine Schale, schlürfte die heisse Suppe und es schien ihm, als hätte es nie etwas besseres gegessen.

Als die Schale leer war, seufzte es tief setzt der sich gerade hin und blickte die alte Frau an.

Was ist das für eine wunderbare Brühe, sprach es. Noch nie hatte ich eine so köstliche Suppe.

Es ist die Suppe dieses Waldes. Wenn du möchtest zeige ich dir, wie du sie kochen kannst. Dann wirst du nie mehr Hunger leiden, nie mehr einsam sein und du wirst immer ein zu Hause haben. Denn dort, wo man eine Suppe isst, dort ist man zu Hause.

Genau so fühlte es ist sich an dachte das Mädchen es fühlte sich an als röche und schmecke diese Suppe nach zu Hause.

So zog das Mädchen zu der alten Frau in die Hütte und blieb dort wohnen, bis es alle Geheimnisse des Waldes von der alten Frau gelernt hatte.

4. Januar – 11. Raunacht

Nach Den Feiertagen und dem Weiterbildungs Tag gestern hat heute der Alltag wieder begonnen.

Zwischen acht und fünf, zwischen Montag und Freitag machen sich die Routinen gelegentlich selbstständig. Als wäre ich selbst nicht mehr nötig. Das kann dazu führen, dass ich in Gedanken ganz anders bin als in der Gegenwart.

Wenn ich innerlich abwesend bin, empfinde ich den Alltag als langweilig. Ich nehme ihn ja gar nicht wirklich war.

Seit dem dritten Kind habe ich mich immer wieder mit dem Alltag beschäftigt. Wie kann ich mir selber den Alltag schmackhaft machen, damit ich nicht von Feiertag zu Feiertag oder von Wochenende zu Wochenende lebe?

In den vergangenen Nächten ist mir die Bedeutung eines gewürdigten, gesegneten Alltags dringlich geworden. Im Alltag wird so vieles gewandelt: Verschmutztes wird sauber, Kaputtes wird geflickt, Ungeniessbares wird zum Lebensmittel und so weiter.

Alte T-Shirts in einen Teppich verwandelt

Wandel kann man als spirituellen Prozess verstehen. Insofern ist der Alltag voller bedeutungsvollen Tätigkeiten. Die Bedeutungen möchte ich sehen lernen.

2. Januar – 9. Raunacht

Loslassen, Lasten ablegen und erleichtert weitergehen.

Ich lege ab, viele Verantwortungen, die ich bereitwillig übernommen habe. Ich gebe sie in jüngere Hände und ziehe mich erleichtert etwas zurück.

Ich freue mich auf neue, andere Aufgaben, die meinen Kräften und meiner heutigen Situation entsprechen.

Sich etwas treiben lassen, statt alleine zu ziehen.

Seit Jahren beschäftigt mich immer wieder der Alltag. Was ist seine Qualität, wie kann sein Gewicht getragen werden?

Das Leben besteht nicht aus Abenteuern und Krimis. Es reihen sich viele alltäglichen Routinen aneinander. Wie werden öde Aufgaben mit Sinn und Wert angereichert? Wie kann ich den Alltag in Würde begehen?

Alltägliche Gegenstände und Orte werden geschmückt. Dadurch bekommen sie Gewicht.

Eigentlich „begeht“ man Feiertage. Durch den Alltag schlittert, eilt, keucht man. Aber begehen?

Morgen habe ich vor, den ersten Alltag nach den Feiertagen würdig zu begehen. Ich weiss noch nicht, was das heissen wird, wir werden sehen.

30. Dezember – schon?

In der 6. Raunacht erinnere ich mich an den Juni des vergangenen Jahres und halte Ausschau auf den kommenden.

Mein Leben wird sich verändern, zunächst beruflich, aber das zieht auch privat Kreise. Werde ich die Herausforderungen bewältigen?

Esparsettenfalter

Dieses Jahr lasse ich mich unter anderem von inga-dalhoff.de durch die Raunächte begleiten. Die ordnet den Raunächten weibliche Archetypen zu. Heute ist es die Mutter.

Ich habe das Glück, dass ich Mutter werden durfte. Als stark kopflastige Frau konnte ich erleben, wie Emotionen sich von selbst entwickelten.

Aus dem Tschad

Noch immer kontrolliere ich meine Gefühlswelt stark, aber in Nächten wie diesen, erlebe ich Lösung, Erlösung.

Die Liebe zur Natur, die Kreativität und die Sensibilität hat mir meine Mutter vererbt. Inzwischen bin ich Grossmutter.

Ich wünsche mir, zu meinen erwachsenen Kindern und zu meinem Enkel eine ehrliche, unkomplizierte mütterliche Beziehung und freue mich darauf.

26. Dezember – 2. Raunacht

Eigentlich

Eigentlich bin ich ein unheimlich verspieltes Wesen.

Aber

Aber die Lasten meines kleinen Lebens drücken. Die Lasten anderer, manchmal sogar die Lasten der ganzen Welt.

Wenn ich die Verspielte bin, mache ich Feuer im Wald, suche und finde Kleinode und stelle daraus kleine Objekte her.

Sanddorngold
Weltenbild mit Hasel, Glasperlen und einer Baumperle

Oder ich extrahiere Farben aus Beeren und Blättern, mit denen ich etwas skizziere oder Wolle färbe. Nur so zum Spass und zur Freude.

Pflanzengefärbte Wolle
Beim Rauchen einer Pfeife mit Mitternachtstabak.
Verspielte Wünsche. Schlehe, Liguster, Zitronensaft, Eisenessig