Den Alltag begehen 3

Der Alltag besteht aus sich wiederholenden, oft monotonen Tätigkeiten.

Gibt es etwas alltäglicheres als Haushalten? Aufräumen, putzen, Tisch decken, abräumen, waschen, bügeln und so weiter.

Kochen empfinde ich als kreative Tätigkeit, sofern ich wirklich koche und nicht einfach etwas in die Pfanne schmeisse.

Langweilige Routinen gibt es in den spannendsten, abwechslungsreichsten Berufen. Da muss man quasi durch.

Alltag. Was alle Tage vorfällt. Mein Leben lang habe ich gekämpft mit den öden Routinen, die nie zu Routinen geworden sind, sondern immer ein Kampffeld blieben. Und immer hat mich das Gewicht der alltäglichen Tätigkeiten im Hinterkopf begleitet: Wie lebenswichtig, überlebenswichtig all das ist: waschen, flicken, Lebensmittel zubereiten und hinterher aufräumen. Und Pillen für die Woche sortieren.

Mit der besonderen Tablettenschachtel fällt auf das öde Pillenschlucken und einräumen ein freundliches Licht.

Wenn mein Leben, wenn das Leben hauptsächlich aus Alltag besteht, wenn ich versuche, den Alltag würdig zu begehen, dann würdige ich – mein Leben. Dann schenke ich dem Leben, das ich habe Würde.

Nicht erst wenn ein Traumleben, nicht erst wenn der Traumberuf oder die Traumkarriere erreicht ist – ich würdige mein Leben jetzt. Und dabei würdige ich mich selber

Es ist Mitte Januar. Mein Alltag hat kleine Krönchen erhalten. Ritual statt Routine.

Wegzeichen

Zeichen am Wegrand

Auf Wegen durch Raum und Zeit

Ankommen bei sich

Norwegen, 66 Grad 34 Minuten um 21:45h

Zeit und Raum verknüpft

In Schritten und Herzschlägen

Mein Raum, meine Zeit

Auf der Reise durch Norwegen hat mich die Veränderung der Tageszeiten bewegt.

Von Süd nach Nord wurden die Tage länger, die Nächte heller und nicht mehr als Nacht erkennbar.

Auf dem Heimweg nach Süden beschleunigte sich die Veränderung: Die Nacht wurde täglich dunkler.

Unsere Reise führte und nicht nur durch den Raum von Norden nach Süden, sondern auch durch die Zeit vom Sommer zum Herbst. Genau genommen ist die Reise durch die Jahreszeiten eine Reise durch den Raum, durch den Weltraum.

Raum und Zeit als voneinander abhängig wahrnehmen, hat mich bewegt. Und es hat mich eingeladen, über meine Räume und Zeiten zu sinnieren.

Raunacht 1/20

In Lot und Waage
Gleichgewicht
suchen und finden
jeden Tag neu
jeden Moment neu.

Wendig, beweglich
Balancierend
hin und zurück.

Ungleichgewicht
als freundlichen Impuls
willkommen heissen.

Den Frieden mit mir
mit Gott und der Welt
und der teuren Familie
mit stets neuen Gewichten
mit passenden Loten
in Ehren halten
in tiefem Frieden.

.

Zwischen den Jahren versuche ich mal daheim, mal in der Burnoutklinik, sachte die Raunächte zu gestalten. Die Impulse bekomme ich dieses Jahr aus frau-achtsamkeit.de

Hinter dem Vorhang

Hinter dem Vorhang war einmal
vor langer, langer Zeit
ein Tor zu einem Königreich,
nur ein, zwei Schritte weit.

Willst du hinein, so mach dich klein,
für Grosse ist kein Raum.
Das Tor zu diesem Königreich
liegt zwischen Blatt und Baum.

Schlüpf durch den Vorhang, schlüpf hindurch,
du brauchst nicht ängstlich sein.
Frau Rotkehlchen ist Königin,
du wirst Prinzessin sein.

Hinter dem Vorhang findest du
bis heut in unsrer Zeit
ein kleines Tor für kleine Leut
nur ein zwei Schritte weit.

Senkrecht drei Streifen: rechts ein Vorhang aus gelben und grünem Buchenblättern an den Ästen der Hängebuche. In der Mitte der dunkle Stamm der Buche, im Hintergrund vor hellem Himmel goldbraune Birkenblätter

Hängebuche am Eingang zum Friedhof

Beitrag 3 zum Lyrikmonat #lyrimo

Pilgern mit Handicap

Kann man mit Handicap pilgern?

Es kommt drauf an.

Zwischen  zwei Abhängen eine Treppe aus Naturgestein . Eine Frau mit grossem Rucksack und Wanderstöcken geht aufwärts .
Auf den Jakobsweg im Oktober 2019

Heute beginnt gewissermassen meine Pilgerreise, aber lest selbst:

Vor einem Jahr habe ich angefangen, mein Pilgern als „Pilgern mit Handicap zu bezeichnen. Damals konnte ich noch etwa vier Stunden täglich gehen. Heute sind es nur noch zwei, maximal drei Stunden. Ausserdem darf ich nicht mehr als fünf Kilogramm tragen. Da ich medizinische Versorgung mittragen muss, ist ein Rucksack von 5kg völlig unrealistisch.

Meine Pilgerreise beginnt heute, weil ich einen sogenannten Rucksackwagen bestellt habe. Das ist ein kleiner Anhänger, den man mit dem Rucksack belädt und sich um die Hüfte schnallt. Wandamigo heisst er.

Ich freue mich! Damit muss ich das Pilgern nicht aufgeben, sondern ich kann es meinen Bedingungen anpassen.

Pilgern mit Handicap? Ja, wenn man seine Ansprüche mit dem Handicap in Übereinstimmung bringt.

Allerdings …

Allerdings kann ich mir einfach nicht vorstellen, mit meinem Mann und dem Pudel zwei Stunden zu wandern und dann – nichts weiter. Darum haben wir entschieden, dass wir einzeln pilgern. Mein Mann geht mit dem Pudel sein eigenes Tempo. Ich gehe mit der Karre meines. Wir sind zwar zusammen unterwegs, aber nicht am selben Ort.

Auf das alleine unterwegs sein freue ich mich auch. Die vielen Eindrücke der vergangenen Wochen, die Müdigkeit, die Reizüberflutung – alles zurücklassen und allein sein: Ich freue mich.

Alpweide mit schmalem Pfad.  Vor dem Himmel ein Mann mit Rucksack, auf dem Weg ein schwarzer Pudel,  der zur Fotografin zurückschaut.
Den Gatten mit dem Pudel zufrieden ziehen lassen.

Ich packe in meinen Rucksack …

‪Ich packe in meinen Rucksack Geduld doppelstark mit Schmerztabletten und zum Ausgleich Samt und Seide für Eleganz und Wohlbefinden.

Ich packe in meinen Rucksack gesammelte Regentropfen, Farben und eine Malve, die für mich die Sonne küsst.‬

Ich packe in meinen Rucksack eine Fahrkarte, eine Pellerine, Vorfreude und ein Buch oder zwei. Und natürlich eine Maske für im Zug.